Der Erbe des Universums

 

HUBERT HAENSEL:
DIE KOSMOS-CHRONIKEN

Ein Auszug aus seinem neuen Buch
[© 1999 bei VPM/Hubert Haensel]

Was ist Schicksal? Eine Aneinanderreihung von Zufällen?

Aber gibt es wirklich Zufälle? Ich glaube nicht daran. Vielleicht war die Zeit ganz einfach reif für die Begegnung. Und wenn nicht wir, dann hätten andere Astronauten den notgelandeten Forschungskreuzer der Arkoniden auf dem Mond entdeckt. - Für mich erweist sich wieder einmal das als richtig, was ich schon immer behauptet habe, was aber kaum jemand hören wollte: Nur Ereignisse, die ein Mensch nicht begreift, bezeichnet er als Zufall.

Lichtjahreweit suchen irdische Teleskope den Weltraum nach Anzeichen fremder Lebensformen ab; die Wissenschaftler streiten sich über eine plausible Antwort auf die Frage, ob Leben auch anderswo entstanden sein kann, sie wissen nicht einmal mit Sicherheit zu behaupten, ob andere Sonnen überhaupt Planetensysteme besitzen, oder ob unser Sonnensystem einzigartig im Kosmos ist - dabei lag die Antwort auf all die brennenden Fragen monatelang vor unserer Haustür, und niemand hat sie gesehen. Wenn das kein Witz ist, weiß ich nicht.

Vielleicht gibt es wirklich jemanden, der auf uns armselige Menschlein herabblickt und sich einen Spaß daraus macht, Zufälle zu inszenieren.

Gott?

Mag sein. Aber nicht in der Vorstellung, daß wir ihn irgendwo da oben finden werden. Das wäre zu banal. Ich glaube vielmehr, daß ein Stück von Gott in jedem von uns ist, in allem was lebt, egal ob Pflanze, Tier oder Mensch. Die Arkoniden muß ich natürlich auch dazu zählen und die anderen raumfahrenden Völker, von denen Crest andeutungsweise gesprochen hat. Wahrscheinlich hat jede Rasse ihre eigene Religion, Götter, die sie verehrt, deren Namen aber doch nur unterschiedliche Bezeichnungen für einen gemeinsamen Schöpfer sind.

Was schreibe ich da eigentlich? Ich sollte den Zettel zerreißen und in den Abfall werfen. Ein Reginald Bull hat sich nie für feingeistige Ergüsse geeignet, und das wird auch in Zukunft nicht anders sein, nur weil Crest Perry und mich mit diesem komischen Kasten verkabeln will, den er Indoktrinator nennt. Das Ding sieht aus wie ein elektrischer Stuhl, da hätte ich gleich freiwillig in Sing-Sing einziehen können. Wir werden 24 Stunden schlafen, behauptet Crest, und danach auf Segmente arkonidischen Wissens Zugriff haben. »Hypnoschulung« nennt er das. Ich fühle mich eher wie ein Luftballon, der bis zum Platzen aufgeblasen werden soll. Aber meinetwegen, einen Versuch ist es allemal wert. Und hinterher - peng!? Ich werde viele Schubladen brauchen, um das neue Wissen zu verstauen.

Die Schrift wird krakeliger und wirkt nur noch wie schnell hingeschmiert: Einige Skizzen verzieren das Blatt: eine Rakete und ein Kugelraumer auf dünnen Landestützen. Dazwischen das Abbild einer Spiralgalaxis.

Ich hab das Zeug doch gelesen, damals, auf dem College. »Galaxy« und »Worlds Beyond« hießen die Magazine, für die der kleine dicke Rothaarige fast sein ganzes Taschengeld ausgab und die er später bei seinen Mitschülern gegen Schokolade wieder eintauschte. Also Augen zu und durch, Bully, das anstehende Wissen wird dich schon nicht erschlagen. Vor allem kann dir niemand mehr nehmen, was du erst einmal hast.

Schade nur, daß es so spät kommt. Ich hätte einige Prüfungen mit glänzenden Noten abschließen können.

 

Auszug aus der Sammlung »Anekdoten, Aphorismen und Bonmots führender Persönlichkeiten des Raumfahrtzeitalters«. Leihgabe des Instituts zur Dokumentation terranischer Lebensweise des 20. und 21. Jahrhunderts, Rastatt/Terra.

Reginald Bull, September 1971.

Trägermaterial: Spezialbriefpapier von Bord der STARDUST, zusammengeknüllt. Echtheitsnachweis zunächst durch graphologisches Gutachten bestätigt, ergänzt durch positronische Urheberbestätigung: Vizeadministrator des Solaren Imperiums, Reginald Bull, 4. März 3457 n.Chr.

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